Call for Papers


Noch einmal: Trauma

psychosozial (4/2020), Joachim Küchenhoff/Marie-Luise Hermann (Hg.)


Warum noch einmal, angesichts der Flut von Publikationen in Psychologie, Medizin, Geschichte und Soziologie und anderen Bereichen zum Thema, ein Schwerpunktheft der Zeitschrift psychosozial zum Trauma? Es gibt sehr aktuelle Gründe, und einige davon sollen in diesem ›call for papers‹ genannt werden.

Sie sind zunächst einmal in der internationalen Politik und der mangelhaften Reaktion des Gesundheitssystems zu suchen. Bei vielen Flüchtlingen müssen wir traumatische Erfahrungen feststellen, die durch inhumane Behandlung im Heimatland, während der Flucht und im Gastland bedingt sind. In der psychosozialen Versorgung wird daher eine kultursensible Traumatherapie auf breiter Basis notwendig, die noch längst nicht existiert. Traumatherapie ist hoch aktuelle gesundheitspolitische Notwendigkeit.

Traumata werden von Generation zu Generation weitergegeben, wenn sie nicht be- und verarbeitet werden können. Die Spuren der furchtbaren Traumatisierungen, die die europäischen Juden durch den Naziterror erlitten haben, sind über die nachfolgenden Generationen hinweg freigelegt worden. Dass es auch Traumatisierungen auf der Täterseite gibt, wissen wir schon lange, bereits Frantz Fanon hat davon anlässlich des Algerienkriegs in seinem Buch Die Verdammten dieser Erde Zeugnis abgelegt. Nicht annährungsweise ausgeschöpft ist die Analyse der historischen Traumatisierungen. Sie müsste auf die Frage Antwort geben, ob und wie der neu erstarkte Rechtsradikalismus in Europa, der bedrohliche Ausmaße annimmt, mit den nicht aufgearbeiteten historischen Traumatisierungen verbunden ist. Die Bearbeitung historischer Traumatisierungen ist daher aktuelle politische Notwendigkeit.

Sexuelle Übergriffe und Gewalt werden immer mehr aufgedeckt, angezeigt und strafrechtlich verfolgt, und das ist dringend und gut so. Die »Me too«-Bewegung hat viel erreicht. Zugleich hat sie unvorhergesehene Folgen. Zum Beispiel werden Mitarbeiterinnen großer Konzerne von älteren und erfahrenen (männlichen) Kollegen seither wesentlich schlechter betreut, weil z.B. Einzelgespräche vermieden werden. Die geforderte und zwingend benötigte Aufmerksamkeit auf Trauma und Gewalt erzeugt einen Täter- und  Opferdiskurs, dessen Folgen bislang kaum berücksichtigt werden. Als ein weiteres Beispiel können die öffentlichen, kaum irgendwo kritisch reflektierten Angriffe gegen Pädophile als »Kinderschänder« dienen. Eine Diskursanalyse zum Trauma ist aktuelle gesellschaftliche Notwendigkeit.

Es gibt mittlerweile eine Fülle von psychotherapeutischen Ansätzen zur Traumatherapie. Viele von ihnen allerdings bleiben unbefriedigend und schmerzlich einseitig. In den meisten Konzepten werden – zu Recht – der Schutz der und die Sorge um die traumatisierten Menschen betont. Vernachlässigt wird allerdings sehr oft dabei, in welchem Ausmaß erlebte traumatische Gewalt sich in das Seelenleben des Opfers implantiert und von dort weiterwirkt. Die therapeutische Arbeit an den Täterintrojekten ist eine notwendige und aktuelle Erfordernis für die Konzeption der Traumatherapie.

Schon diese kurze Übersicht zeigt, dass es einer genuin psychosozialen Perspektive bedarf, um sich diesen miteinander verschränkten und drängenden Themen zu nähern. Für ihre Zusammenführung ist die Zeitschrift psychosozial besonders geeignet.

Bitte reichen Sie ein Abstract von ein bis zwei Seiten bis zum 31. Juli 2019 ein. Bei Annahme ist der Abgabetermin für das fertige Manuskript bis spätestens 10. Februar 2020.

Einsendungen an: Joachim.Kuechenhoff@unibas.ch