Call for Papers

Achtsamkeit
psychosozial (1/2020), Viktoria Niebel/Jürgen Straub (Hg.)

»Sei achtsam«; »Lebe im Hier und Jetzt«; »sei präsent in diesem Moment, in jedem einzelnen Augenblick«; diese oder ähnliche Empfehlungen und Anleitungen speisen die Idee, das Leben am »Prinzip Achtsamkeit« auszurichten, welches in zahlreichen Bereichen der Lebenswelt eine ungeahnte Konjunktur erfahren hat. Adressat*innen finden sich überall: Auf Schulhöfen wie im Lehrerzimmer, in Yoga-Kursen und auf dem Golfplatz, im Großraumbüro wie in der Chefetage, in der Gefängniszelle wie auch in den eigenen vier Wänden.
So gibt es in der weit ausgefächerten Beratungslandschaft unzählige Kurse und Programme, die Achtsamkeitsschulungen zu kurativen, präventiven oder optimierenden Zwecken anbieten, einige auch von Krankenkassen teilfinanziert. Die Angebote richten sich an Personen jeglichen Alters und in jeder Lebensphase, nicht zuletzt an Organisationen und Institutionen, die via Achtsamkeit die Humanressourcen ihrer Mitarbeiter*innen und Mitglieder schonender anzapfen können, während letztere selbstbewusster mit ihren Reserven hauszuhalten lernen sollen, um Stress zu vermeiden, ihre Kreativität zu fördern und Konzentration zu steigern. In populärwissenschaftlichen Ratgebern wie auch in Publikumszeitschriften wird Achtsamkeit ebenfalls zur Stressbewältigung aufbereitet – oder gar als Schlüssel für tiefere Einsichten eines wahren Selbst empfohlen, garniert mit attraktiven Glücksversprechen.

In unterschiedlichen Konzeptionen wird Achtsamkeit mal als Haltung, mal als ein Prozess, mal als eine genuin menschliche Fähigkeit betrachtet. Die Translation des Konzeptes aus buddhistischen Traditionen führt längst zu vielfältigen Änderungen und Anpassungen an westliche Bedürfnisse und eigene soziokulturelle Wissensbestände. Hierbei kann Achtsamkeit zum einen ein Tool sein, ein nützlicher Kniff der eigenen Lebensführung, mittels dessen einiges leichter wird – und sei es nur der eigene Umgang mit den an das »unternehmerische Selbst« gestellten Anforderungen im Job, in der Schule oder der Familie. Zum anderen kann Achtsamkeit zur Verheißung werden, ›die Menschheit‹ in ein neues, besseres Zeitalter zu führen.

Die Offenheit, mit der der Begriff Achtsamkeit sowie die mit diesem verbundenen Praktiken an eine Vielzahl von lebensweltlichen Bezügen anknüpfen können, bildet den Hintergrund der Beiträge in dieser Schwerpunktausgabe. Aus unterschiedlichen sozial- und kulturspychologischen sowie soziologischen, historischen oder religionswissenschaftlichen Perspektiven soll sich der Blick auf die polyvalenten Semantiken richten, welche die verschiedenen psychosozialen Facetten des schillernden Phänomens Achtsamkeit speisen. Hierbei können Fragen der Subjektivierung und der Regierungswirkung achtsamkeitsbezogener Praktiken und Anleitungen genauso in den Blick geraten wie die genealogische Suche nach Ursprüngen und Verbindungslinien des travelling concepts Achtsamkeit. Besonders interessant sind etwa Bezüge zu psychologischen und therapeutischen, spirituellen und religiösen Weltbildern und Lebensformen.


Bitte reichen Sie ein Abstract von ein bis zwei Seiten bis zum 15. März 2019 ein.
Einsendungen an: Viktoria.Niebel@rub.de